Gustav Körnig

Fleshy Boot

Project Info

  • Location: KÄMPER Galerie
  • Artist: Gustav Körnig
  • Text: Jan Christoph Breitwieser
  • Photographer: Tatjana Hub

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Mit Fleshy Boot entwickelt Gustav Körnig eine Ausstellung, die nicht einfach im Raum stattfindet, sondern sich den Raum selbst aneignet. Malerei, Skulptur, Wandmalerei und grafische Strukturen greifen ineinander und lassen die Grenzen zwischen Kunstwerk und Umgebung zunehmend verschwimmen. Körnigs Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Wiederkehrende Motive wie Bäume, Blumen und menschliche Figuren entstehen in einem offenen Prozess aus Entwicklung, Überarbeitung, Pflege und Verwerfung. Formen werden aufgebaut, verändert und wieder übermalt. Sie erinnern an Körper, Pflanzen, Früchte oder Gegenstände, ohne sich eindeutig festlegen zu lassen. Weiche, beinahe fleischige Formen treffen auf klare Konturen, kräftige Farbflächen auf schnelle, gestische Pinselspuren. Gerade aus diesem Nebeneinander entsteht die eigentümliche Spannung seiner Bilder: Sie wirken zugleich vertraut und fremd, üppig und verletzlich, wild und kontrolliert. Körnig Bildwelten entstehen intuitiv im Prozess. Sie wachsen Schicht für Schicht, wobei ein Motiv auftauchen, wieder verschwinden und an anderer Stelle erneut sichtbar werden kann. Auch seine intensive Beschäftigung mit dem Holzschnitt prägt diese Arbeitsweise. Dopplungen, Einkerbungen und harte Begrenzungen finden ihren Weg aus der Druckgrafik in die Malerei. Die verschiedenen Techniken bleiben dabei nicht voneinander getrennt, sondern treten in einen ständigen Austausch. Diese Spannung zwischen Ordnung und Überlagerung wird in Fleshy Boot auch räumlich weitergeführt. Ein Raster zieht sich durch die Ausstellung. In der Galerie erscheint es durch Holzleisten an den Wänden, später in der Werkschauhalle als mit Klebeband gesetzte Struktur auf dem Boden. Das Raster teilt, ordnet und vermisst den Raum. Das Raster fungiert als eine Referenz zum Entstehungsprozess der Werke, die im Atelier auf einem Raster aus Holzleisten hängend entstehen. Körnigs Bildwelt setzt dieser scheinbaren Klarheit jedoch etwas Organisches und Unberechenbares entgegen. Die Formen wachsen über ihre Begrenzungen hinaus, überlagern sich und entziehen sich einer eindeutigen Ordnung. Die Ausstellung ist bewusst sparsam gehängt. Wenige Arbeiten stehen mit viel Raum um sich herum und bekommen dadurch eine besondere Präsenz. Im Vorraum kommen weitere Werke hinzu. Eine rund vier Meter breite Holzskulptur verlässt schließlich den Innenraum der Galerie und besetzt den Raum davor. Damit wird auch der Außenraum Teil der Ausstellung. In der Werkschauhalle verändert sich die Situation noch einmal. Eine dreizehn Meter lange Wand wird selbst zum Bildträger. Eine großflächige Wandmalerei bildet den Hintergrund für ein gemeinsames Dinner. Kunst begegnet hier nicht mehr nur dem betrachtenden Publikum, sondern dem Essen, dem Zusammensitzen und dem gemeinsamen Erleben. So entsteht mit Fleshy Boot weniger eine klassische Präsentation einzelner Werke als eine räumliche Situation. Bild, Wand, Boden, Skulptur, Tisch und Essen werden Teil eines gemeinsamen Zusammenhangs. Das scheinbar nüchterne Raster trifft auf eine Welt aus Körpern, Pflanzen, Farben und Formen. Ordnung und Wachstum, Konstruktion und Intuition, Figuration und Abstraktion, Malerei und Holzschnitt stehen sich gegenüber – und beginnen zugleich ineinander überzugehen. Gustav Körnig, in Seehausen/Altmark geboren und in Brandenburg aufgewachsen, studierte von 2019 bis 2025 Malerei und Druckgrafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Während seines Studiums arbeitete er unter anderem in den Klassen von Christoph Ruckhäberle, Maria Schuhmacher, Franziska Holstein, Henriette Grahnert, Franz Jyrch und Ivana de Vivanco, bei der er 2025 sein Diplom abschloss. Bereits 2021 wurde er in die Studienstiftung des deutschen Volkes aufgenommen. Mit blume blume//3000, seiner Diplomarbeit und ersten Einzelausstellung 2025 in der Galerie Kleindienst, machte er zuletzt auf sich aufmerksam. Fleshy Boot führt diese Entwicklung weiter. Die Ausstellung zeigt eine Malerei, die sich nicht mit der Leinwand begnügt. Sie will wachsen, sich ausbreiten, den Raum besetzen und dabei immer wieder die Frage offenlassen, was wir eigentlich sehen. Körper oder Pflanze, Landschaft oder Figur, Gegenstand oder abstrakte Form – Körnigs Bilder halten diese Möglichkeiten gleichzeitig offen. Gerade darin liegt ihre eigentümliche, manchmal stürmische und zugleich nachdenkliche Kraft.
Jan Christoph Breitwieser

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