Leo Lunger
Himmelblau
Project Info
- Location: Dito Space
- Curator: Emma Kling
- Artist: Leo Lunger
- Text: Emma Kling
- Photographer: Emma Kling
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Ausstellungsansicht Himmelblau
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Urne, Keramik, Screen, Animationsfilm
Tisch, Holz, glasierte Ziegel, Keramik-Fliegen
Ausstellungsansicht Himmelblau, glasierte Ziegel, Keramik
Ausstellungsansicht Himmelblau, glasierte Ziegel, Keramik
Urne, Keramik, Screen, Animationsfilm
Ausstellungsansicht Himmelblau, glasierte Ziegel, Keramik
Ausstellungsansicht Himmelblau, glasierte Ziegel, Keramik
HIMMELBLAU
Im Bauch der Urne leuchtet ein kleiner Bildschirm. Ich
bin fast sicher, diesen Film schon einmal gesehen zu haben.
Einzelne Bilder erkenne ich wieder, weiß aber nicht, zu
welcher Version sie gehören. Frühere Fassungen habe ich
auf einem gesprungenen Handydisplay gesehen, dessen Ris-
se quer durch die Animation liefen wie zusätzliche Zeich-
nungsstriche. Die verschiedenen Versionen verschwimmen
in meinem Kopf.
Aleida Assmann beschreibt Erinnern und Vergessen nicht
als Gegensätze, sondern als aufeinander bezogene Prozesse.
Erinnern bedeutet immer auch, Dinge auszuwählen. Nicht
alles kann gleichzeitig erinnert werden. Manchmal geraten
die Dinge durcheinander. Eine Erinnerung kann sich mit
einer anderen vermischen, bis nicht mehr klar ist, zu wel-
cher Geschichte ein Bild gehört.
Eleven steps 'til I can rest
Urne. Ein hohes, dekoriertes Gefäß, besonders zur Aufbe-
wahrung der Asche eines verstorbenen Menschen. Außer-
dem: Urne. Ein großer Metallbehälter mit Zapfhahn zum
Zubereiten und Ausschenken von Tee oder Kaffee.
Eine Urne ist ein Gefäß. Bevor sie zum Trauerobjekt wird,
teilt sie eine einfache Eigenschaft mit vielen anderen Din-
gen. Der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht. In
einigen Urnen stecken Blumen. Sie trocknen langsam aus.
Nine steps 'til I can rest
Ein Behälter hält Dinge. Das englische contain bedeutet
enthalten oder zurückhalten. Containment beschreibt die
Vorstellung, dass etwas zunächst gehalten werden muss, be-
vor es gedacht oder gesagt werden kann.
Nicht alles, was etwas hält, ist ein Gefäß. Transitional objects
sind Dinge, die für eine Weile ein Gefühl von Sicherheit
aufnehmen und bewahren können. Dinge die sich nicht
dafür entschieden haben wichtig zu werden.
Selbst glasierte Ziegelsteine werden in der Ausstellung zu
Behältern. Nicht weil sie etwas umschließen, sondern weil
sie etwas halten.
Seven steps until I can rest
Five steps 'til I can rest
In Leos Arbeiten tauchten Gefäße schon lange vor den
Urnen auf. Gläser, Karaffen, Vasen, Tassen. Manche nur
angedeutet, andere so ausgearbeitet, dass ihre glasige Ober-
fläche beinahe körperlich spürbar wird. Sie sind mit Wein,
Wasser oder anderen Flüssigkeiten gefüllt und werden von
geisterhaften nirgendwo hingehörigen Händen gehalten.
Oder sie stehen allein auf einem Tisch in mediterraner
Umgebung. Manchmal schweben sie zu zweit, leicht zu-
einander gekippt, als wären sie angetrunkene Personen
vor einem blitzenden, stürmischen Himmel. Als wären sie
Figuren, die sich einander zuwenden, kurz davor, etwas zu
sagen, und tuen es doch nicht.
Die Urnen werden nach und nach immer deutlicher zu
Porträts. Jede besitzt ihren eigenen Ausdruck. Nicht im
Sinne einer Ähnlichkeit mit einer bestimmten Person,
sondern als hätte jede ihre eigene Art, im Raum zu sein.
Als hätten sie Vornamen statt einen Titel.
Im Bauch der Keramik Urne erscheint ein kleines leuch-
tendes Rechteck. Es wirkt gleichzeitig vollkommen selbst-
verständlich und völlig fehl am Platz. Wie ein Fenster. Wie
ein CT-Bild.
Four steps 'til I can rest
In der griechischen Mythologie ist Lethe einer der Flüs-
se der Unterwelt. Ihr Name bedeutet Vergessen. Bevor die
Seelen in die Unterwelt eintreten, trinken sie aus ihrem
Wasser und verlieren die Erinnerung an ihr vergangenes
Leben.
In vielen Märchen entspringen Lebens- und Todeswasser
aus derselben Quelle, am Fuß des Weltenbaums oder in
einem gläsernen Schloss. Das Lebenswasser kann einen
zerstückelten Körper wieder zusammensetzen oder alte
Menschen verjüngen. Das Todeswasser hingegen tötet
bereits mit einem einzigen Spritzer.
Three steps 'til I can rest
Leos Zeichnungen wirken schnell, selbst wenn sie stillste-
hen. Sie sehen aus, als wären sie in einem einzigen angehal-
tenen Atemzug entstanden – ausgeatmet wird erst, wenn
der letzte Strich sitzt.
Gesichter tauchen im Bauch der Urnen auf. Die ganze
Zeit warte ich darauf, dass eines mir zuwinkt. Stattdessen
verschluckt ein Ohr einen ganzen Menschen, begleitet von
einem überraschend schmatzenden Schlupfgeräusch.
Two steps 'til I can rest
Emma Kling